Anonyme Bewerbung – Heute gibt es leider kein Foto!

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Zum Schutz vor Diskriminierung werden die Rufe nach anonymisierten Bewerbungsverfahren immer lauter. Absagen aufgrund einer falschen Nase oder seltsam klingenden Namen sollen der Vergangenheit angehören. Denn oftmals sind es ausländische Bewerber, alleinerziehende Mütter oder ältere Menschen, denen die Chance auf einen Job bei gleichen Qualifikationen verwehrt bleibt. Indikatoren, die Informationen zum Geschlecht, zur sexuellen Orientierung, zur Nationalität oder zum Alter offenbaren, sollen aus der Bewerbung fortan verbannt werden. Doch sind anonymisierte Bewerbungen wirklich vorteilhaft für die Bewerber und tragen zu einer Chancensteigerung bei? Wir nehmen uns dieser Fragestellung an und beleuchten die Problematik aus mehreren Blickwinkeln.

Auf welche Angaben wird in Lebenslauf und Anschreiben verzichtet?

  • Foto
  • Name
  • Adresse
  • Alter
  • Geschlecht
  • Familienstand
  • Herkunft

Um keine Rückschlüsse auf das Alter des Bewerbers zuzulassen, werden bei den Abschnitten im Lebenslauf ebenfalls die Jahreszahlen ausgelassen und nur Zeiträume angegeben.

I need a job!

3 Varianten der Anonymisierung von Bewerbungsunterlagen

  • Anonymisierte Online-Bewerbungsbögen des Unternehmens, durch die passgenau die Bedürfnisse und Anforderungen des Unternehmens mit der Qualifikation und Motivation des Bewerbers abgeglichen werden
  • Einheitliche und anonymisierte Bewerbungsformulare, die vom Bewerber ausgefüllt an den Arbeitgeber verschickt werden
  • Nachträgliche Anonymisierung der Bewerbungsunterlagen durch Schwärzen der möglichen diskriminierenden Daten

Nachteile

Für manche Berufe gehen dem Arbeitgeber wichtige Informationen verloren. Zum Beispiel über die Sprachkenntnisse, interkulturelle Kompetenzen, Kreativität und Fähigkeiten. Alle mitzuschickenden Bewerbungsunterlagen wie Zeugnisse oder Zertifikate müssen bereinigt werden und es entsteht oftmals ein Extraaufwand für den Bewerber.

Für wenig erfahrene Bewerber bzw. Berufseinsteiger können anonymisierte Bewerbungsverfahren von Nachteil sein, da sie nicht über ausreichend Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf verfügen, um sich aus der Bewerberflut mit einer individuellen Gestaltung abzuheben. Dies stellt normalerweise kein Problem dar, denn jeder fängt einmal klein an. Wird allerdings das Alter verschleiert, könnte dies eher zum Nachteil ausgelegt und als fehlende Expertise interpretiert werden.

Anonymisierte Bewerbungen sind ferner noch nicht überall gang und gäbe. In Deutschland werden sie in der Praxis nur wenig verwendet und sind vielen deutschen Bewerbern noch fremd. In den USA und Kanada hat sich das Verfahren hingegen vor mehr als 50 Jahren etabliert. Auch im öffentlichen Sektor Belgiens kommen anonymisierte Bewerbungen zum Einsatz.

Um flächendeckend eine erfolgreiche Umsetzung zu erzielen, bedarf es standardisierter Bewerbungsformulare, um für alle Bewerber die gleichen Voraussetzungen zu schaffen. Zudem ist eine anonymisierte Stelle notwendig, die Initiativbewerbungen sichtet und diese verschlüsselt.

Oftmals werden heutzutage Bewerber aufgrund ihrer Persönlichkeit eingestellt. Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, Motivation und gesunder Ehrgeiz stellen wichtige Faktoren bei der Personalauswahl dar. Anonyme Bewerbungen lassen über Erwartungen, Interessen und Verfügbarkeiten nur wenige Informationen zu. Die Bewerber werden nicht als Gesamtperson gewürdigt, sondern auf wenige Fakten reduziert. Personaler verlassen sich bei der Bewerberauswahl gerne auf ihre Menschenkenntnis und möchten den Kandidaten so gut wie möglich kennenlernen und nicht „die Katze im Sack kaufen“.

Letztlich können anonyme Bewerbungen sicherlich zur Einladung von Bewerbern führen, denen unter anderen Umständen vielleicht erst gar keine Chance eingeräumt worden wäre. Andernfalls kommt kein Bewerber am persönlichen Kennenlernen im Vorstellungsgespräch vorbei. Und spätestens dort wird der Vorhang fallen und alte Selektionsmuster kommen unbewusst oder bewusst wieder zum Vorschein. Kritiker sprechen hier einzig von einer Verschiebung der Diskriminierung auf die nächste Stufe des Auswahlverfahrens.

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Vorteile

Bewerber, die aufgrund inhärenter Vorurteile in den Köpfen der Personaler direkt aussortiert werden, erhalten eine Chance sich im Vorstellungsgespräch zu beweisen und mit den Stereotypen aufzuräumen.

Für den Beruf sind Erfahrungen und Qualifikationen wichtige Erfolgsfaktoren, die bei einer anonymen Bewerbung in den Vordergrund rücken. Andere Bewerbergruppen erhalten somit die Chance im Vorstellungsgespräch zu glänzen und die Vielfalt im Unternehmen steigt.

Aufgrund einheitlicher und komprimierter Bewerbungsunterlagen hat der Arbeitgeber ferner eine bessere Möglichkeit die Bewerber untereinander zu vergleichen und die Unterlagen schneller zu sichten.

Aus einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im November 2010 konnte ebenfalls eine positive Bilanz gezogen werden. Es wurde nachgewiesen, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren leicht umsetzbar waren sowie vor allem Frauen und Migranten bessere Chancen auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch hatten.

Bislang gibt es in Deutschland keine Vorschriften zum Rekrutierungsprozess, allerdings legt der Bund den Unternehmen ans Herzen ihre Bewerbungskultur zu überdenken und die Rekrutierungsmethode nur aus eigener Überzeugung umzustellen.

Was bedeutet dies nun für dich und deine Bewerbung? Dir steht es vielmehr frei, ob du dich für eine personenbezogene, individuelle Bewerbung oder das anonymisierte Exemplar entscheidest. Am besten informierst du dich zunächst über das Unternehmen und sein Bewerbungsverfahren. Falls du mit normalen Bewerbungen bislang keinen Erfolg erzielt hast, dann versuche doch einfach mal das verschlüsselte Verfahren. Auch auf HOTELCAREER, GASTRONOMIECAREER und TOURISTIKCAREER warten unzählige Stellenangebote auf dich und deine Bewerbung! Mache jetzt den nächsten Schritt in deine Zukunft!

 


Beitrag von Melanie Römer

Melanie Römer