Anonyme Bewerbung – “Heute hab ich leider kein Foto für Sie”

Chancengleichheit für alle im Bewerbungsprozess? Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Eine junge Frau im besten Alter für die Familienplanung, ein männlicher Bewerber über 50 oder mit ausländisch klingendem Namen – für alle drei stehen die Chancen auf ein Bewerbungsgespräch oftmals deutlich schlechter als bei ihren männlichen, deutschen oder jüngeren Mitbewerbern, trotz gleicher oder sogar besserer Qualifikationen. Diese Art der Diskriminierung ist leider keine Seltenheit. Zwar müssen seit dem 2006 eingeführten Antidiskriminierungsgesetz alle Stellenangebote neutral formuliert und an jeden potenziellen Bewerber gerichtet sein, doch nachweislich bewirken kann diese Regelung kaum etwas. Könnte die anonyme Bewerbung hingegen, die sich in den USA und in Großbritannien schon lange durchgesetzt hat, für Chancengleichheit sorgen?

Bessere Chancen für Frauen und Migranten durch die anonyme Bewerbung

Ende 2010 startete die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein einjähriges Pilotprojekt, an dem sich acht Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber wie L’Oréal, die Deutsche Post und das Bundesfamilienministerium beteiligten. Sie testeten ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren: ohne Angabe von Name, Alter, Geschlecht, Nationalität, Familienstand sowie ohne Foto wurden insgesamt mehr als 8500 Bewerbungen eingereicht. Das Ergebnis: absolute Chancengleichheit auf ein Bewerbungsgespräch, 1300 Vorstellungsgespräche und 246 neu besetzte Jobs. Wen Sie da eigentlich eingeladen hatten, erfuhren die Unternehmen erst beim Vorstellungsgespräch. Einige Personaler gaben zu, von Bewerbern, die sie mit herkömmlicher Bewerbung wohl nicht eingeladen hätten, positiv überrascht worden zu sein. Vor allem Frauen und Migranten schnitten in dem Projekt gut ab – ihre Chancen auf ein Vorstellungsgespräch verbesserten sich deutlich. Welche Bewerber aber letztendlich den Zuschlag für einen Job erhielten, geht aus der Studie nicht hervor.

Begeisterung auf der einen und Ablehnung auf der anderen Seite

Vier Arbeitgeber aus dem Pilotprojekt entschieden sich ihre Bewerbungen aufgrund der positiven Erfahrungen weiterhin anonym abzuhandeln, nämlich das Bundesfamilienministerium, der Geschenkedienstleister Mydays, die Stadtverwaltung Celle und die Bundesagentur für Arbeit. Letztere erhielt durch das Projekt fast 60% mehr Bewerbungen als im Jahr zuvor – offensichtlich rechneten sich viele Bewerber beim anonymen Verfahren größere Chancen aus. Die übrigen Unternehmen hingegen planen keine Fortsetzung dieser Bewerbungsform. Ein Sprecher der Deutschen Telekom ließ verlauten, die anonyme Bewerbung habe „keinen zusätzlichen positiven Effekt gebracht“ und streiche das weg, was „möglicherweise gezielt gesucht“ werde. Auch die Deutsche Post sah durch das Projekt bestätigt, schon zuvor „bereits alle Aspekte der Chancengleichheit“ gewährleistet zu haben. Ähnliche Statements gaben auch L’Oréal und Procter & Gamble ab. Alle vier dieser Unternehmen setzen schon länger auf sogenanntes Diversity-Management – das Sicherstellen einer Vielfalt der Belegschaft in Bezug auf Kriterien wie Alter, Religion und Geschlecht.

Es gibt also Befürworter sowie auch Skeptiker und Gegner der „gesichtslosen“ Bewerbung. Warum diese Uneinigkeit? Was spricht für und was spricht gegen die anonyme Bewerbung? Zur Übersicht hier eine kleine Pro- und Contra-Liste für die anonyme Bewerbung:

Pro – Argumente für die anonyme Bewerbung

  • Nur die Qualifikationen und Fähigkeiten zählen für eine Einladung zum Vorstellungsgespräch
  • Keine direkte Aussiebung von Gruppen wie Ausländern, Frauen und Älteren mehr möglich
  • Keine Vorab-Recherche über den Bewerber im Internet mehr möglich
  • Positive Erfahrungen mit dem Verfahren in Ländern wie den USA, Frankreich und der Schweiz

Contra – Argumente gegen die anonyme Bewerbung

  • Sehr schwer komplett zu anonymisieren – auch über Umwege kann man Rückschlüsse auf persönliche Daten wie das Geschlecht und ungefähre Alter schließen
  • Keine gezielte Vielfältigkeit der Belegschaft durch „Diversity-Management“ und keine Bevorzugung von beispielsweise Behinderten mehr möglich
  • Höherer administrativer Aufwand und mehr Kosten durch das anonymisierte Verfahren und durch eine mögliche größere Anzahl an Bewerbungsgesprächen

Letztendlich muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden, ob es an der herkömmlichen Art der Bewerbung festhält oder auf die anonymisierte Bewerbung setzen, denn eine gesetzliche Regelung ist nicht geplant. Was die Bewerber – um die es ja letztendlich geht – eigentlich davon halten, sich anonym zu bewerben, wurde in dem Projekt übrigens nicht untersucht.
Darum möchten wir von euch wissen: Was ist eure Meinung zu der anonymen Bewerbung? Habt ihr bereits Erfahrungen damit gesammelt – vielleicht im Ausland oder sogar in Deutschland? Seid ihr für oder gegen die „gesichtslose“ Bewerbung?


Beitrag von Andrea Schmitz

Andrea Schmitz