Assessment Center als letzte Hürde zum Traumjob

Die perfekte Stelle scheint zum Greifen nah: Du hast bereits mit einer exzellenten Bewerbung auf dich aufmerksam und die Personaler neugierig gemacht, doch folgt nach der Sichtung deiner Unterlagen kein erwartetes Vorstellungsgespräch. Das Unternehmen hat sich stattdessen beim Auswahlverfahren gegen das gängige und weit verbreitete Bewerbungsgespräch und für das Assessment Center (AC) entschieden. Und was nun? Du hattest noch nie ein AC? Was musst du beachten und wie kannst du dich erfolgsversprechend darauf vorbereiten? Wir wollen das Phänomen Assessment Center heute mal genauer unter die Lupe nehmen!

Was genau ist eigentlich ein Assessment Center?

Der Ausdruck stammt aus dem Englischen und „Assessment“ bedeutet so viel wie „Bewertung“ oder „Einschätzung“. Demnach ist ein AC ein komplexes und strukturiertes Personalauswahlverfahren, mithilfe dessen die Fähigkeiten und Kompetenzen des Bewerbers beurteilt werden können. Oftmals führen Unternehmen das Beurteilungsverfahren selbst durch oder beauftragen externe Berater mit der Organisation und Ausführung. Das Verhalten der Kandidaten wird von Beobachtern analysiert, welche sich in der Regel aus Personalern, Psychologen oder Führungskräften zusammensetzen. Die Auswertung erfolgt anhand bestimmter Bewertungsbögen und der Einschätzung des Auswahlgremiums. Die Dauer des AC kann von einem halben Tag bis hin zu drei Tagen variieren, je nachdem wie viele Runden und Übungen vorgesehen sind. Die Bewerkstelligung der diversen Aufgaben erfolgt entweder individuell oder in Gruppen. Auf diese Weise sollen die Intelligenz und das Konzentrationsvermögen sowie die Sozialkompetenz und Durchsetzungsstärke des Kandidaten eingeschätzt werden. Die Unternehmen haben daher die Möglichkeit, die für den Job erforderlichen Eigenschaften des Bewerbers unter realitätsnahen Bedingungen und verschiedenen Situationen zu testen und eine objektive Auswahlentscheidung zu treffen. Die Einstellung wird infolgedessen anhand mehrerer Entscheidungsfaktoren getroffen und subjektive Eindrücke innerhalb von Interviews können reduziert werden.

Wie sieht der generelle Aufbau eines Assessment Centers aus?

Im Regelfall besteht das AC aus vier Komponenten: Der Selbstpräsentation, diverser Übungen, Gruppendiskussionen und einem abschließenden Feedback durch die Beobachter.

Die Selbstpräsentation

Was habe ich bisher in meiner beruflichen Laufbahn erreicht? Welche Erfolge habe ich feiern können? Was kann ich und was zeichnet mich besonders aus? Warum passe gerade ich perfekt auf die ausgeschriebene Stelle? All diese Fragen sollte man im Rahmen der Selbstpräsentation beantworten. Es gilt, einen kurzen und prägnanten Vortrag über sich selbst und sein Können zu halten, um die Personaler von der persönlichen Eignung für den Job zu überzeugen. Neben der Akzentuierung der eigenen Stärken, sollte man zudem auf Fragen bezüglich seiner Schwächen vorbereitet sein und diese souverän beantworten können, sowie zeitgleich bei Rückfragen seitens der Interviewer nicht ins Straucheln geraten. Abgesehen von dem Inhalt der kurzen Präsentation, sollte man auch auf seine Körpersprache achten. Denn durch ein selbstbewusstes Auftreten können weitere Pluspunkte gesammelt werden. Man sollte den Blickkontakt zu seinem Gegenüber nicht vermeiden, die Arme nicht krampfhaft vor dem Körper verschränken sowie die Schultern nicht hängen lassen. Auch vom Spielen mit Stiften oder starrem Festhalten an Karteikarten o.ä. wird wärmstens abgeraten. All dies wird als Zeichen von Nervosität und Unsicherheit ausgelegt und kann den Personaler schnell an den eigenen Fähigkeiten zweifeln lassen. Eine offene Körperhaltung, eine klare Stimme und ein gutes Sprechtempo zeugen von Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen.

Die Übungen

Nach der Selbstvorstellung folgen meist gezielte Übungen, um die Arbeitsweise des Kandidaten näher analysieren zu können. Einen Klassiker bildet hierbei die Postkorbübung. Hier gilt es, eine Fülle von unterschiedlichen Informationen nach Relevanz zu filtern und zu priorisieren. Es muss festgelegt werden, welche Inhalte zuerst bearbeitet werden müssen, welche an andere delegiert werden können und welche Aufgaben zunächst unberücksichtigt bleiben. Die Gestaltung der Übung kann entweder anhand eines „vollen Postkorbes“ mit diversen abzuarbeitenden Dokumenten erfolgen oder anhand eines prall gefüllten Email-Postfaches mit zahlreichen Aufträgen und Terminanfragen. Eine eng mit dem zukünftigen Job zusammenhängende Aufgabe ist ebenfalls denkbar. Zum Beispiel das Erstellen eines Dispositionsplans für einen Job innerhalb einer Speditionsfirma. In der Regel gibt es keine Vorbereitungszeit für diese Übung und die Dauer beträgt zwischen 30-60 Minuten. Um den Stressfaktor der Kandidaten zu erhöhen, wird ihre Arbeit durch Mitarbeiteranfragen, Telefonate  oder zusätzliche Aufgaben erhöht. Auch kann die Aufgabe so konzipiert sein, dass man sie in der vorgegebenen Zeit gar nicht bewerkstelligen kann. Man hält seine Entscheidungen schriftlich fest und präsentiert diese im anschließenden Gespräch. Mithilfe dieser Übung können die Stressresistenz, die Delegationsbereitschaft, die Entscheidungsfreudigkeit, das Konzentrationsvermögen als auch die analytischen Fähigkeiten der Bewerber getestet werden.

Group of confident business partners interacting at meeting

Die Gruppendiskussionen

Für die Beobachter dient die Gruppendiskussion als hilfreiches Instrument, um die sozialen und kommunikativen Kompetenzen der Kandidaten zu beurteilen. Innerhalb einer vorgegebenen Zeit (meist 15-30 Minuten) sitzen alle Teilnehmer an einem Tisch und diskutieren zu einem vorgegebenen Thema. Den potentiellen Arbeitgebern ist es wichtig zu sehen, wie ihre Bewerber miteinander interagieren. Ebenso lässt dies einen direkten Vergleich zwischen den Kandidaten zu. Die Zielsetzung der Diskussion kann von AC zu AC variieren. Einige AC streben eine kooperativ-orientierte Gruppenlösung an, bei denen man sich als Team auf die weitere Vorgehensweise und zu treffenden Entscheidungen einigen muss. Andere AC fokussieren eine konflikt-orientierte Lösung, bei der die Teilnehmer ihre eigenen Standpunkte gegenüber denen der anderen durchsetzen müssen. Gezieltes Fachwissen wird bei Berufseinsteigern oft nicht erwartet, vielmehr kommt es auf die Teamfähigkeit und Lösungskompetenz der Bewerber an. Wichtig ist, seinen eigenen Standpunkt klar und deutlich darzulegen, ohne andere Teilnehmer zu unterbrechen oder persönlich zu kritisieren. Es sollte ein gleichberechtigtes Gespräch stattfinden, bei dem jeder seinen Redeanteil voll ausschöpfen kann. Wer sich zu sehr in den Vordergrund spielt oder die Arme verschränkt und sich zurückzieht, wird nicht unbedingt die Gunst der Beobachter auf sich ziehen können. Wer sich hingegen beispielsweise die Namen der Mitbewerber merkt und diese in der Diskussion gezielt anspricht, der zeigt Aufmerksamkeit, Interesse und Integrationskraft. Die Argumentation sollte ein strukturiertes Gerüst aufweisen und inhaltlich sollten die Standpunkte anderer nochmals aufgegriffen, erweitert oder widerlegt werden. Bei kooperativ-orientierten AC ist es außerdem von Vorteil, wenn man auch schwächere Teammitglieder in die Diskussion miteinbezieht und diese nach ihrer Meinung fragt. Ebenfalls sollten gute Ideen auch anerkannt werden. Du solltest bei kooperativ-orientierten Gruppendiskussionen stets dein Interesse an einer kollektiv guten Lösung betonen und versuchen, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Neben der Gruppendiskussion gibt es auch hypothetische Fallstudien oder Rollenspiele, um eine praxisnahe Situation nachzustellen. Oft übernimmst du die Rolle des Vorgesetzten oder Kollegen in einem Rollenspiel und musst dich in einer Konfliktsituation behaupten. Die Personaler haben somit die Möglichkeit, dein Durchsetzungsvermögen, Verhandlungsgeschick und Einfühlungsvermögen zu testen. Das Rollenspiel kann zum Beispiel folgende Szenarien annehmen: Mitarbeitergespräch, Gespräch unter Kollegen oder eine Verhandlung. Auch hierbei solltest du stets aktiv zuhören, auf die Position deines Gegenübers eingehen und selbst sachlich und souverän deine eigene Sichtweise präsentieren. Rückfragen an den Gesprächspartner, ob die Sichtweise korrekt dargestellt wurde oder wie seine Meinung dazu aussieht, hilft dir dabei, alle verfügbaren Informationen über die gespielte Situation zu erhalten. Ziel des Rollenspiels ist meist, einen Kompromiss mit seinem Gegenüber zu finden. Problemlösungsfähigkeiten und eine strukturierte Gesprächsstrategie sind hierbei empfehlenswert.

Das Feedback

Zum Abschluss des AC laden die Beobachter die Teilnehmer zu einem ausführlichen und finalen Gespräch ein. Fragen zu der Selbsteinschätzung werden hierin häufig gestellt. Du hast in dieser Situation die Gelegenheit, missglückte Aufgaben zu bereinigen und gute Ergebnisse zu betonen. Jedoch ist hierbei immer auch Vorsicht geboten: Es ist ein nur schmaler Grat zwischen Eigenlob und maßloser Selbstkritik. Du solltest hier ein gesundes Mittelmaß finden. Wenn die Beobachter bereits im Verlauf des AC Kritik äußern, so solltest du versuchen, diese schon während der jeweiligen Übung umzusetzen, um deine Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen. Generell gilt es, eine aufgeschlossene Haltung zu zeigen und Kritik als auch das Lob der Personaler dankend anzunehmen.

Ein wichtiger Punkt zum Schluss: Du stehst während des gesamten AC unter ständiger Beobachtung und Prüfung. Daher solltest du bemüht sein, dich auch während der Pausen immer von deiner besten Seite zu präsentieren und dich kommunikativ und aufgeschlossen gegenüber anderen Teilnehmern zeigen. Sei es bei der Begrüßung, beim Mittagessen oder während kurzer Unterbrechungen zwischen den Übungen –  auch wenn man sich unbeobachtet fühlt, sind Manieren und ein einwandfreies Benehmen selbstverständlich als auch unerlässlich.


Beitrag von Melanie Römer

Melanie Römer