Kellner – Gastgeber und Gedächtniskünstler

Für viele mag das folgende Szenario pures Chaos, Hektik und kaum zu bewältigender Stress bedeuten (der blanke Horrorarbeitsplatz)- für andere hingegen -die Kellner- ist es ein gut organisierter, logisch durchdachter und durchgeplanter Serviceablauf: 43 Tische mit weißen Tischtüchern, akkurat aufgereihte Bestecke und fachmännische Dekorationen. Es ist gerade Hochbetrieb und 26 Tische sind belegt. Sherlock Holmes in Frack in und Fliege hat alles im Blick. Die Dame im blauen Kostüm wünschte Lammkotelett mit etwas weniger Rosmarin, ihr Gatte im schwarzen Anzug wollte zu seinem Steak weniger Pellkartoffeln und mehr Salat. Außerdem wünschte er einen Wein, der mit der argentinischen Herkunft des Steaks übereinstimmt. Also wird die Wahl auf einen vollmundigen Sauvignon aus einem argentinischen Weinanbaugebiet fallen. Weiter geht’s. Am Tisch hinten links orderte die rothaarige Frau Trüffel an Pasta in Schaum-Soße. Und ihr Mann? Steak? Schnitzel? Vergessen? Natürlich nicht, denn der Kellner ist zwar menschlich und darf durchaus auch mal was vergessen aber in den meisten Fällen schockiert und fasziniert uns doch das ausgezeichnete Gedächtnis der Kellner, welches sie sich im Laufe ihrer Berufserfahrung angeeignet haben. Auch bei der Beratung in der Bestellung weiß unser Mann in schwarz-weiß bestens Bescheid, denn die Speisekarte kann der Kellner nicht nur gekonnt überreichen, sondern auch inhaltlich fast herunterbeten. Ob Gluten-Intoleranz, Laktose-Unverträglichkeit oder andere Inhaltsstoffe, die einem nicht bekommen: der Kellner berät und kennt sich bestens mit der Zutatenliste und eventuellen Allergieauslösern aus, damit am Ende auch keiner den Notarzt rufen muss.

Kellner – deutlich mehr als nur Tellerträger

Ach: nicht zu unterschätzen sind auch die Kopfrechenkünste der Planungsgenies. Das Ergebnis von 12,80 für die Nudeln, plus 2,60 für das Wasser, plus 3,40 für den Espresso und 5,30 für das Tiramisu zum Abschluss? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Unter den brennenden, kritischen und nicht unbedingt gutwilligen Augen so manchen Gastes, nach bereits vergangenen 6 Stunden Arbeitszeit, kommt man da ganz schön ins Schwitzen und berechnet sich vielleicht aus Versehen ein selbst angeeignetes Trinkgeld.

FREUNDLICHKEIT wird großgeschrieben

Der Kellner weiß genau Bescheid: er organisiert, er plant, er ist engagiert und er ist dabei natürlich stets herzerwärmend freundlich- auch bei jenen Gästen, denen man gerne den Rotwein über das frisch aus der Reinigung eingetroffene Armani-Hemd gießen möchte. Bei Beschwerden und chronisch übellaunigen Gästen, die ihren alltäglichen Lebensfrust beim Restaurantbesuch ablassen möchten, bleibt er ruhig und überzeugt mit seinem niveauvollen und charmanten Auftreten. Konfliktbewältigung wird hier zur alltäglichen Überlebensstrategie. Auch Gäste, die den ganzen Abend gemäkelt haben (Essen ist ja viel zu spät gekommen… 25 Minuten Wartezeit im Hochbetrieb ist vollkommen überzogen, die Serviette war nicht akkurat gefaltet! Der Wein hat auch nicht so gefallen… Was damit verkehrt war, sage ich Ihnen dann, wenn ich es mir überlegt habe) begegnet unser Organisationstalent natürlich mit Nettigkeit und auch Sätze wie „Ich habe es glücklicherweise genau passend!“ fasst er mit einem freundlichen Lächeln auf und verabschiedet sich besser nicht mit dem Satz „Na dann, Frau und Herr Sparfuchs. Dann wünsche ich noch einen schönen Abend und danke für ihr großzügiges Trinkgeld von 25 Cent!“. Das mag für manche Leute unter uns sehr mühsam sein, doch der Kellner ist erster Ansprechpartner und Repräsentant des gesamten Betriebs und des dahinterstehenden Namens. „Luigis Pizza: Immer schnell und freundlich“ bekommt ganz flott ein negatives Image verpasst, wenn der Kellner pöbelt, unfreundliche Gäste mit Salat befeuert und das Essen erst einmal abkühlen lässt, bevor er es serviert. Der Kellner muss demnach Qualitäten wie Loyalität, Ehrlichkeit, Nettigkeit und ein dickes Fell mitbringen um den Alltag im Restaurantservice durchzustehen.

Aber mal keine Schwarzmalerei: der Job im Restaurantservice bringt auch zahlreiche positive Seiten mit sich. Zunächst einmal wäre da das Gegenteil vom eben beschriebenen Horrorgast: der nette Gast, der die Bemühungen zu schätzen weiß! Hier bekommt die freundliche Bedienung hier und da ein herzliches Lächeln geschenkt, ein Kompliment für die charmante und engagierte Arbeitsweise und allgemein Balsam für die Seele, die den Kellner Job zu einem wahren Genuss machen können.

… ein freundlicher Kellner bringt…zufriedene Gäste…und?

Trinkgeld! Na klar!

Der gutgelaunte Kellner, der nett und eloquent berät, auf seine Haltung achtet, schnell und zuverlässig den Service managet und stets auf die volle Zufriedenheit des Gastes bedacht ist, bekommt diese Freundlichkeit (in den meisten Fällen) vergütet, denn Trinkgelder sind für einen ansprechenden Service fast schon ein ungeschriebenes Gesetz. Mit der Rechnung begleicht der Gast zwar seine Speisen aber eben nicht die herausragende Dienstleistung, welche die Gabe von Trinkgeldern zu einer Art Knigge-Regel gemacht hat. Daher der gastronomische Leitsatz im Service: Zuvorkommender Service wird belohnt!

Der Job als Kellner ist nämlich, das muss man leider sagen, nicht außerordentlich gut entlohnt. Für die ganzen Mühen, die der Kellner auf sich nimmt um den Gast zufrieden zu stellen und seinen Wünschen gerecht zu werden, verdient der Durchschnittskellner gerade einmal 1000 Euro netto. Das ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei, denn gerade in diesem Job ist jeder Cent hart verdient. Der Kellner Job ist nämlich sowohl körperlich als auch geistig eine Herausforderung, für welchen Flexibilität, ein gepflegtes und seriöses Auftreten, gute kaufmännische und organisatorische Kenntnisse, eine hohe Serviceorientierung, beste Umgangsformen und ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit vorausgesetzt wird.

Also dann? Der Kellner Job: Viel verlangt und mies bezahlt? Nein, da kann ich euch beruhigen: Das ist nicht immer der Fall, denn die Trinkgelder sind der zweite Lohn im Dienstleistungssektor. In hochfrequentierten Lokalen, die in der Szene beliebt und angesagt sind, können diese den Nettolohn sogar übersteigen. Auch in der gehobenen Gastronomie wird besser gezahlt als im Schnellimbiss am Eck, denn hier wird den Kellnern ein noch höheres Maß an Freundlichkeit und Professionalität abverlangt und auch die Trinkgelder fallen überdurchschnittlich hoch aus, da es sich die Gäste eben leisten können entsprechend zu honorieren. Selbstverständlich ist das kein Vergleich zum günstigen Café in Universitätsnähe.

Es ist also ein Spiel mit dem Feuer und nichts für schwache Nerven, denn ein höherer Lohn hängt im Leben eines Kellners von seiner Leistung ab, die auch nach einem acht-Stunden Tag gleichbleibend perfekt sein muss. Und wenn man diese Hürde schon gemeistert hat, muss auch die Laune des Gastes passen und die Spendierhöschen müssen locker sitzen.

Apropos: 9 to 5 Job – nicht für den Kellner!

Der Kellner startet nicht, wie in anderen Jobs, morgens um 9 und geht, nach einstündiger Erholungspause um die Mittagszeit, gegen zarten 18 Uhr (passend zum Abendessen) nach Hause, sondern es läuft leider auch hier eher etwas steinig. Zwar gibt es durchaus Stellen, wie beispielsweise im Hotel, wo auch das Frühstück ausgerichtet werden muss, doch im Normalfall werden die Kellner wohl eher selten mit dem Feierabendverkehr zu kämpfen haben, denn der Job als Kellner beginnt meist am frühen Abend, wenn die Restaurants eröffnen. Heißt, um es kurz zu machen: der Kellner wird zur Nachteule gemacht und kommt dann nach Hause, wenn der Rest der Welt sein Haupt bereits friedlich im Daunenkissen wälzt.

… und das Resümee

Wer im Kellner Job nicht seine Lebenshürde sehen will der sollte:

  • Freundlichkeit an den Tag legen können,
    • auch wenn nach großer Mühe keine Trinkgeld folgt
    • auch wenn völlig unangemessene Kritik folgt und von den größten Stinktstiefeln kommt
  • ein Nachtmensch sein
  • körperlich gut in Form sein
  • gute kaufmännische, organisatorische Kenntnisse besitzen
  • gut und eloquent kommunizieren können
  • flexibel einsetzbar sein (für eventuelle Tagesveranstaltungen und Ähnliches)
  • ein gutes Gedächtnis besitzen und schnell mitdenken können
  • Teamfähig sein und kollegial handeln können

Alles in allem ist der Kellner Job ein anstrengender Job, der aber durchaus Spaß macht, wenn man dafür geeignet ist.

Also bedenkt beim nächsten Restaurantbesuch, was die Kellner alles so erleiden müssen obwohl sie für uns nur das Beste wollen und denkt über ein kleines Trinkgeld nach, auch wenn`s mal länger gedauert hat.

Bilderquellen: © Andresr / arka38 /shutterstock.com

 

Gastbeitrag von: Sarah Amadio

Sarah Amadio ist Studentin der Germanistik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit April 2013 unterstützt sie unser Team tatkräftig im Bereich Online-Marketing.


Beitrag von Lisa N.

Lisa N.
Nach einem Masterstudium an der Universität Hamburg, habe ich erfolgreich ein Volontariat in einer PR-Agentur absolviert. Bei der YOURCAREERGROUP bin ich seit November 2014 für das B2C Marketing und den Pressebereich zuständig. Weitere Informationen zu mir gibt es auf XING.